Nervenkitzel contra Naturerleben
Noch vor zwanzig Jahren war die Welt in Bayrischzell, einem kleinen Urlaubsort am Wendelstein, in Ordnung. Die meisten Gäste waren Stammgäste, die seit vielen Jahren so zuverlässig eintrafen wie die Zugvögel und oft ihren ganzen Sommerurlaub in Oberbayern verbrachten. Doch dann ging es steil bergab. Die Zahl der Übernachtungen sank von einst 300 000 auf heute nur noch 160 000.
Zwar hat sich die Zahl der Gästeankünfte von 30 000 auf 36 000 erhöht. Doch dies konnte den Einbruch bei den Übernachtungen bei weitem nicht ausgleichen. Die Stammgäste sterben langsam aus. Und deren Kinder und Enkel frönen dem spontanen Kurzurlaub.
Touristische Events sollen dem Ort aus der Krise helfen. Seit die Gemeinde an ihrem Hausberg einen «Mega Flying Fox» bauen lassen will, wird in Bayern über die Zukunft des alpinen Tourismus gestritten. Ein «Flying Fox» ist eine Seilbahnrutsche, auf der die Leute mit bis zu 140 Stundenkilometern ins Tal sausen können. Auch am Osterfelderkopf bei Garmisch-Partenkirchen ist solch eine Nervenkitzel-Rutsche geplant, nur nicht ganz so lang wie in Bayrischzell.
An beiden Orten haben die Tourismusmanager und Bergbahngesellschaften noch weitere Projekte in der Pipeline, um ihre Berge für den Sommerurlaub aufzurüsten, beispielsweise einen Hochseilklettergarten am Wendelstein oder zwei spektakuläre Aussichtsplattformen an der Alpspitze hoch über dem Höllental. «Wir wollen die Bergwelt für unsere Gäste erlebbar machen», sagt Peter Theimer, kaufmännischer Vorstand der Bayerischen Zugspitzbahn, und will zwei Bergpfade zu kinderwagengerechten «Genusserlebniswegen» umbauen.
«Man darf nicht stehen bleiben, man muss voranschreiten und immer wieder neue Highlights setzen», begeistert sich der Tourismuschef von Bayrischzell, Harry Gmeiner. «Wenn wir eine Zukunft haben wollen, müssen wir junge Gäste herkriegen. Dazu brauchen wir Attraktionen wie den Flying Fox.»
Uneingestandenes Vorbild für die bayerischen Gehversuche in Sachen Spaßtourismus ist Österreich. Hier gibt es schon diverse Seilrutschen, etwa im Rofangebirge am Achensee oder im Pinzgau am Großvenediger. Die Nase vorn hat freilich die Gemeinde Fis am Fuße der Samnaungruppe mit ihrem aggressiv beworbenen «Funpark» auf der Möseralm. Auf der anderen Seite des Bergmassivs liegt übrigens Ischgl, die Mutter des alpinen Ballermann-Tourismus.
In Tirol sei man leider schon ziemlich weit damit, die Event-Konzepte des Winters auf den darbenden Sommertourismus zu übertragen, klagt der Umweltbeauftragte des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV), Peter Haslacher. Wie die Umweltschützer in Bayern und Österreich plädiert Haslacher als Alternative zum Hard-Core-Vergnügen für den sanften Tourismus: «Irgendwann haben sich die Events erledigt und die Landschaft ist verbraucht. Die graben sich doch selbst das Wasser ab.»
Auch bekannte Alpinisten wie der Extrembergsteiger Stefan Glowacz warnen davor, aus den Bergen einen «Abenteuerspielplatz» zu machen.
Der positive Effekt der Events auf die Übernachtungszahlen könne schnell verpuffen: «Es wird nicht lange dauern, dann kommen viele Leute nicht mehr, weil oben ein solches Halligalli stattfindet.»
Droht jetzt ein neues touristisches Wettrüsten wie bei Schneekanonen, die mittlerweile auch in bayerischen Skigebieten Standard sind? Oder gibt es angesichts des Klimawandels, der in absehbarer Zeit den Wintertourismus in vielen bayerischen Tourismusorten zum Erliegen bringen könnte, eine Renaissance der «Sommerfrische»?
«Es gibt auch Events, die die Natur nicht zerstören», sagt die Leiterin der Tourismusinformation in Unterwössen, Theresa Schmid.
Neun Gemeinden im Chiemgauer Achental und dem angrenzenden Tiroler Gebiet, die sich vor zehn Jahren im «Ökomodell Achental» zusammenschlossen, haben mit dem sanften Tourismus gute Erfahrungen gemacht. Sie bieten geführte Alm- und Kräuterwanderungen, eine Schaukäserei, «Brotbacken beim Bauern» und die jährlichen Unterwössener «Kirta», einen Jahrmarkt mit regionalen Produkten und alten Handwerken. «Wir haben damit eine ganz neue Gruppe von Gästen gewonnen», sagt Schmid. Dazu gehörten auch Besuchergruppen, die das Ökomodell vor Ort studieren wollten. Dessen Erfolge hätten sich schon bis nach China herumgesprochen.
(ddp/travelpedia)
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Dienstag, 1. September 2009 15:14
Fraglich ob das tatsächlich stimmt was Fr. Schmid von sich gibt, die Übernachtungszahlen sind jedenfalls nicht gestiegen sonder weiter rückläufig.
Der DAV tut ja gerade so also ob die ganzen Alpen volgepfalstert werden, dem ist aber nicht so. Die Attraktionen werden in die Landschaft integriert an schon bestehenden Wegen und Plätzen.
Sanfter Tourismus allein bringt uns nicht die Gäste eine Kombination mit Abenteuer schon eher.
Mittwoch, 2. September 2009 12:01
Übernachtungszahlen die stagnieren und rückläufig sind, gibt es nicht nur im Chiemgau, sondern in allen Gebieten, ausgenommen der Städte oder der Orte mit Großveranstaltungen. Bevor man kritisiert, sollte man ganz unten an der Basis anfangen, was wird dem Urlauber geboten – Quartiere, aus den letzten 20 oder 30 Jahren sind bestimmt nicht mehr der Hit, Gastronomie? Findet man da überhaupt was??? Bayerische Küche???