Urlaub in Polen zum Schottenpreis
Sie gelten als fleißig und pflichtbewusst, aber auch als humorlos und geizig. Preußische Tugenden, die sich mit der sprichwörtlichen Eigenschaft der Schotten mischen, sollen den Posenern eigen sein. Obwohl mit ihrer Dominsel vor mehr als 1000 Jahren Gründungsstadt und Wiege des polnischen Staates und zugleich eine der ältesten Städte Polens sind viele preußische Gebäude im Stadtbild von Posen auszumachen: Schulen, Akademien, Krankenhäuser, Kasernen, Theater. Manche sagen, Posen sei preußischer als Preußen, hätten sich doch auch deutsche Begriffe erhalten wie «Ordnung muss sein» oder «langsam, aber sicher».
Vor 100 Jahren bauten die Preußen hier nicht nur ein Opernhaus, das zum Jubiläum mit Vorstellungen zum Nulltarif oder einem symbolischen Zloty (25 Cent) lockt, sondern auch das letzte Kaiserschloss Europas. Es sei eigentlich ein Paradoxon, ereifert sich Julita beim Stadtrundgang, denn Polen hatte nur Könige. Es war Wilhelm II., der Posen zu seiner Residenzstadt erhob und einen doppelten Festungsring anlegen ließ. Der deutsche Kaiser hielt sich nur dreimal in dem Prachtbau mit seinen fast 600 Räumen auf, der sich äußerlich an die Kaiserpfalz von Goslar anlehnt. Später bestimmten die Nationalsozialisten die ehemalige Trutzburg zur Residenz für Adolf Hitler und hinterließen beim Umbau Eichenlaubverzierungen und jugendliche Fackelträger. Heute gilt das Schloss als eine der wichtigsten Adressen für Kunst und Kultur der polnischen Messe- und Universitätsstadt.
Auch die Alte Brauerei «Stary Browar» hat diesen Wandel zum Kulturtempel durchgemacht. Als eines von 15 großen Einkaufszentren der Stadt treffen sich in dem von roten Ziegeln und Glas dominierten Bau Kommerz und avantgardistische Kunst. Zwischen Shoppen und Schlemmen lassen sich ausgefallene Designerstücke bewundern.
Schon im 13. Jahrhundert, als Posen Stadtrecht erhielt, war es ein bedeutendes mittelalterliches Handelszentrum zwischen West- und Osteuropa. Die Stadt entstand auf dem linken Warthe-Ufer. 1253 wurde der heutige Alte Marktplatz, von dem zwölf Straßen abgehen, schachbrettartig angelegt. Italienische Architekten prägten das Stadtbild mit. Die bunten Giebelhäuser der Patrizier, die heute mit reizvollen Cafés und Kneipen ausgestattet sind, wurden nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg originalgetreu wieder aufgebaut. Im Zentrum des Platzes lenkt das Neue Renaissance-Rathaus aus dem 16.
Jahrhundert, vor dem täglich um zwölf Trauben von Menschen stehen, die Blicke auf sich. Sie warten auf das Spektakel der miteinander kämpfenden Ziegenböckchen der Rathausturmuhr. Ungeachtet der unterschiedlichen Legenden ihrer Entstehung sind sie längst zum Wahrzeichen Posens geworden.
In der Nähe der Stadtwaage macht «Bamberka» den vier Marktbrunnen Konkurrenz. Die breithüftige vermeintliche Wasserträgerin schleppe Wein in ihren Krügen, sagt Marek später im Museum der Posnaner Bamberger. Dick zu sein, bedeutete reich zu sein, erklärt er den vor der Vitrine mit Kleidungsstücken kichernden Schulmädchen. Deshalb wurde geschummelt und zur optischen Täuschung ein dicker Watterock getragen. Die Siedler aus Franken kamen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in drei Migrationswellen ins Land. Sie sollten die nach Krieg und Seuchen entvölkerten städtischen Güter wieder aufbauen.
Marek erzählt von den Traditionen und der gelungenen «Polonisierung» der Bamberger, deren Nachkommen längst auch Ärzte und Kaufleute sind.
Aber ihr Brauchtum pflegen sie bis heute. Ihre heimatlichen Trachten mit den hohen Blumenhauben, die inzwischen zum Kulturgut ganz Polens geworden sind, setzen nicht nur zum Bamberger Fest im August malerische Akzente.
Auf der Dominsel zwischen Warthe und Cybina gibt es weitere Überraschungen. Es ist die Keimzelle des polnischen Staates. Noch vor dem Krakauer Wawel war die «Goldene Kapelle» der Domkirche Begräbnisstätte der ersten polnischen Herrscher. Nachdem sich der Piastenfürst Mieszko I. 966 taufen ließ, gründete er hier das erste Missionsbistum.
Als Hauptstadt von Wielkopolska (Großpolen), das mit knapp zehn Prozent der Fläche Polens so groß ist wie Belgien, ist Posen auch Ausgangspunkt für sportliche Betätigung. 100 Seen, 1800 Kilometer markierte Radrouten mit GPS und 690 Kilometer internationale Wasserstraßen können erobert werden. Aber man braucht auch nur nach «Malta» zu gehen.
«Malta» ist für die Posener keine Insel im Mittelmeer, sondern ein Stausee und Naherholungsgebiet. Der Name kommt von den früheren Besitzern des Areals an der Warthe, den Johannitern, aus denen die Malteser hervorgingen. Hier gibt es Schwimmbäder, Paddel- und Ruderboote, die Schmalspurbahn Maltanka, eine Regattastrecke und sogar eine Ganzjahres-Skipiste. «Malta» ist auch Synonym für das gleichnamige Straßenfestival. Das ursprünglich auf das «Malta»-Areal begrenzte Festival internationaler Straßentheater hat sich inzwischen auf die Stadt ausgeweitet, so dass kein Fußgänger mehr vor den Gauklern und Akteuren sicher ist und schnell mal ins Spiel einbezogen wird. Die Stadt selbst wird zur Bühne.
Warum nun gerade die als geizig verschrienen Schotten Polens für das erste Juni-Wochenende die Aktion «Poznan zum halben Preis» ins Leben riefen, lässt sich nur vermuten. Rund 100 Museen, Hotels, Restaurants sind daran beteiligt. Die Stadtväter wollen das einseitige Image als Business- und Messestadt überwinden. Die Besucher können sich freuen. Sie brauchen nur das Angebot anzunehmen und sich die Stadt, drei Eisenbahnstunden von Berlin entfernt, erschließen – aber nicht erst 2012, wenn Posen Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft ist.
Die Autorin war auf Einladung des Polnischen Fremdenverkehrsamtes unterwegs.
(ddp/travelpedia)
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Donnerstag, 10. Juni 2010 11:33
Wenn man bedenkt das unser Nachbarland so nah ist und so schöne Reiseziele zu erschwinglichen Preisen bietet, ist es umso erstaunlicher, wieviel Angst die Deutschen vor Polen haben und wieviel Unwissenheit herrscht. Ich selbst fahre gerne nach Polen in den Urlaub und habe es noch nie bereut.