Neue Aida Blu durchquert Emspassage

Mit dicker Wollmütze und Schal gegen die Kälte bewaffnet stehen Rita und Manfred Weiser auf dem schneebedeckten Deich direkt hinter der Meyer Werft in Papenburg.

Gespannt blicken sie auf das riesige Kreuzfahrtschiff im Wasserbecken vor ihnen. Und tatsächlich: Langsam – es wirkt beinahe wie in Zeitlupe – schiebt sich rund eine halbe Stunde früher als geplant die von zwei Schleppern begleitete, 252 Meter lange «AIDAblu» durch die Ems und vorbei an dem von Schaulustigen gesäumten Deich. Das neue Kreuzfahrtschiff der Rostocker Reederei AIDA Cruises macht sich nach einer Bauzeit von zwölf Monaten auf den Weg von der Meyer Werft von Papenburg nach Emden, wo es nach Plan kurz nach Mitternacht festmachen sollte.

«Eigentlich wollten wir zum Skifahren in die Berge», erzählt das aus Bayern stammende Ehepaar Weiser. «Als wir dann aber von der Emsüberführung hier hörten, warfen wir unsere Pläne über den Haufen und kamen hierher.» Bereuen tun sie das nicht, denn «es ist so imponierend. Das muss man mal live erlebt haben», resümieren die beiden.

Anders als die Weisers hat Marc Menzel schon häufig Kreuzfahrtschiffe aus der Nähe gesehen. «Ich fotografiere seit Jahren hobbymäßig Schiffe», sagt der extra aus Lübeck angereiste Menzel. Aus der Aida-Flotte habe er bereits zahlreiche Modelle gesehen. Immerhin ist die «AIDAblu» auch bereits das siebte Schiff der Flotte und der vierte von sechs Neubauten, die in der Werft gebaut wurden.

Trotz winterlicher Temperaturen rund um den Gefrierpunkt haben sich einige Hundert Schaulustige allein auf den Deichen bei Papenburg versammelt, um das in diesem Jahr erste fertige Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft zu sehen. Auch auf dem weiteren Weg entlang der Ems und speziell an den zwei zu passierenden Brücken wurden zahlreiche Neugierige erwartet. Viele von ihnen reisten gar mit Wohnwagen zu dem Spektakel an.

Bei einer Schiffsbreite von 32,3 Metern und einer Durchlassbreite der Brücken von 45 Metern ist es ein anspruchsvolles Manöver, das Schiff ohne Schaden durch die engen Stellen zu fahren. Immerhin verbleiben dabei nur sechs Meter auf beiden Seiten.

Rund 40 Kilometer muss das Schiff auf seiner ersten Reise zurücklegen, bevor es in Emden mit weiteren Möbeln, Proviant und Hotelausstattung bestückt wird. Nach einer Probefahrt auf der Nordsee und der Überlieferung an die Reederei wird das Schiff von der Designerin Jette Joop am 9. Februar bei einem Spektakel im Hamburger Hafen seinen Namen erhalten. Joop wird außerdem eine Champagnerflasche am Bug zerschellen lassen. Erst danach wird sich das Schiff, das Platz für mehr als 2000 Passagiere bietet, auf seine Jungfernfahrt nach Palma de Mallorca machen.

Meist mehrmals pro Jahr verlassen neue Kreuzfahrtschiffe die Werft in Papenburg. Um sie überführen zu können, wird die Ems mit Hilfe des Sperrwerkes aufgestaut, was in den vergangenen Jahren immer wieder zu Protesten und Beschwerden von Umweltschützern geführt hat. Seit Jahren wird der Fluss zudem ausgebaggert.

Dieser Prozess könnte sich künftig aber problematischer gestalten als bislang. Denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschied am Donnerstag, dass die Baggerarbeiten in dem Fluss trotz einer in Deutschland gültigen Genehmigung als Eingriff in ein schützenswertes Naturgebiet anzusehen sind und daher künftig einer Verträglichkeitsprüfung unterzogen werden müssen. Während Naturschützer das Urteil begrüßten, sprach der Papenburger Bürgermeister in diesem Zusammenhang von einer «Schicksalsfrage» für den Werftenstandort Papenburg.

Für die Überführung der «AIDAblu» gelten diese neuen Vorschriften noch nicht. Wegen Niedrigwassers der Ems wurde die Überführung allerdings kurzfristig um einen Tag nach vorne verlegt. Grund war der anhaltende Ostwind, der dazu führte, dass das Hochwasser des Flusses etwa 75 Zentimeter niedriger als normal auflief. Die einzige Änderung, an die sich das Überführungsteam des Schiffes halten musste, war das Musikverbot während der Passage. Nachdem beim Ablegen in Papenburg noch lautstarke Musik ertönte, musste sie aus Rücksicht auf die in den Vogelschutzgebieten zwischen Weener und dem Dollart lebenden Vögel auf der weiteren Reise abgeschaltet werden.

Hintergrundinfos:

Hunderte Schaulustige haben auch am Freitag wieder die Überführung des neuen Kreuzfahrtschiffes der Papenburger Meyer Werft über die Ems beobachtet. Hinter einer solchen Emsüberführung, bei der der Ozeanriese rückwärts durch die Flussbiegungen fährt, steckt monatelange Vorbereitung und großer personeller Aufwand. Bereits rund ein halbes Jahr, bevor ein Schiff das Werftgelände in Papenburg verlässt, beginnen etwa die Vorbereitungen bei der Niedersächsischen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV).

«Überführungsfahrten wie die der ‘AIDAblu’ müssen aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe in Einzelgenehmigungen geregelt werden. Dies ist vergleichbar mit Schwerlasttransporten auf der Asphaltstraße«, erläutert Frank Norda vom WSV in Aurich. Diese Sondergenehmigung ergeht an den Kapitän des zu überführenden Werftschiffes und enthält alle Bedingungen und Auflagen, die für diese Überführung erfüllt sein müssen.

Etwa sechs Monate vor der Ausfahrt werden von der Schifffahrtsverwaltung Peilschiffe zum Aufspüren von Verschlickungen und Untiefen über die Ems geschickt. Die dabei erhobenen Daten wertet ein eigenes Büro aus und beauftragt gegebenenfalls ein Baggerunternehmen mit der Herstellung der Solltiefe. Gleichzeitig berät man im nautischen Büro des WSV gemeinsam mit Werftmitarbeitern unter Berücksichtigung der Schiffsdaten, wie das Schiff sicher über die Ems gebracht werden kann. Dabei müssen auch das Tidegeschehen, Brückenbauwerke und andere Hindernisse bis hin zum Stau des Emssperrwerkes bedacht werden.

Auch an der eigentlichen Überführungsfahrt ist die WSV aktiv beteiligt: Auf der Brücke des Schiffes fährt ein Mitarbeiter der WSV, der selber Kapitän ist, mit. Über diesen Mitarbeiter findet die enge Kommunikation mit dem Schiffsführer statt. «Wir liefern zum Beispiel die Pegeldaten für die ganze Ems bis Borkum und darüber hinaus«, sagt Norda und fügt hinzu: »Diese Daten werden minütlich über Funk an die Schiffsführung übermittelt, auf der Brücke elektronisch ausgewertet und in den Ablaufplan der Flussfahrt eingearbeitet.«

Auch wenn der spätere reguläre Kapitän des Schiffes mit auf der Brücke steht, liegt das Kommando während der Überführung ausschließlich beim Werftkapitän und Lotsen Thomas Teitge und seinem Team von der Lotsenbrüderschaft Emden. Für die Lotsen, die bereits seit 1975 Schiffe der Meyer Werft sicher nach Emden bringen, ist die Fahrt jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung: »Ein in den Abmessung sehr großes Schiff auf der engen und kurvenreichen Ems sicher nach Emden zu überführen, erfordert langes, hoch konzentriertes Arbeiten im Team«, sagt Kapitän Norbert Radke, Leiter der Lotsenbrüderschaft Emden.

Auch für das erfahrene Lotsenteam – allein Kapitän Teitge hat mit seinem Team 20 Schiffe nach Emden geleitet – ist jede Fahrt etwas Besonderes: »Wind und Wetter machen jede Fahrt anders«, sagt Radke.

Außerdem reagieren Schiffe, selbst »Schwesterschiffe«, unterschiedlich. Als besondere Punkte der Fahrt gelten bei den Lotsen die Passage der Dockschleuse in Papenburg, die Weener-Brücke, die Durchfahrt durch die Jan-Berghaus- Brücke bei Leer, das Sperrwerk Gandersum und das Drehen des Schiffes im Emder Vorhafen. Für solche brenzligen Situationen wird das Überführungsteam auf einem Simulator im niederländischen Wageningen geschult.

Gesichert wird die Überführung schließlich von Angehörigen der Wasserschutzpolizei, deren besonders Augenmerk auf die für Besucher interessanten Punkte gerichtet ist: »Speziell an der Schleuse Papenburg, den Brücken und dem Emssperrwerk Gandersum gibt es große Menschenansammlungen, die mit den Tücken des Wassers, der Gezeiten und der Manövrierbesonderheiten großer Schiffe in engen Gewässern nicht vertraut sind«, sagt Arno Peper von der Wasserschutzpolizei in Emden.

»Der fehlende Gefahreninstinkt bringt Zuschauer in gefährliche Situationen, die vonseiten der Polizei verhindert werden sollen.» Alles in allem sind laut Wilfried Krüssel, Logistik-Experte der Meyer Werft, während einer Überführungsfahrt rund 300 Personen im Einsatz, die im Hintergrund für einen sicheren und reibungslosen Ablauf sorgen.

 

(ddp/travelpedia)

 

 

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Autor: redaktion
Datum: Freitag, 15. Januar 2010 15:24
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