Brandenburger Wildbret hat es schwer bei Berliner Verbrauchern
Es ist ein bitterkalter Morgen, an dem das Forstamt Templin die kleine Jagdgesellschaft in die Wälder um das uckermärkische Dorf Alt Placht geladen hat. Eisiger Wind und Temperaturen jenseits der 20 Grad Minus herrschen, als die rund 40 Männer und Frauen mit Wattejacken und Leuchtwesten von der idyllischen Holzkapelle «Kirchlein im Grünen« zur Pirsch durch den schneeverwehten Wald stapfen. Entsprechend groß ist am Nachmittag das Gedränge der zahlenden Weidmannsschar am Lagerfeuer. Einzig der frisch gekrönte Jagdkönig ignoriert die klirrende Kälte. »Drei Wildschweine und ein Reh hab ich geschossen«, freut sich der erfolgreiche Jäger Hubert Robben aus Niedersachsen aufgeregt beim Anblick seiner Beute.
Die erlegten Tiere will der ehemalige Berufsschullehrer gleich mit nach Hause nehmen. »Ich habe schon meine Frau angerufen, dass sie Platz in der Kühltruhe macht.« Der ganz überwiegende Teil der Tagesbeute wandert allerdings direkt in den Kühllaster eines Mecklenburger Wildfleischvermarkters. Der rumpelt mit seinem Lkw schon wenige Minuten nach dem Schlusssignal auf den Platz. »Für 1,80 das Kilo kaufen wir hier alles auf«, erklärt der Fahrer. Der Nachteil des Handels sei für ihn, dass er zum Spottpreis alles nehmen müsse. «Ob das Wild gut getroffen ist oder wertlos, ist unser Risiko», sagt der Mann.
Eberhard Kühne, Chefvermarkter für Wild beim Forstamt Templin, beobachtet die Szenen indes mit Skepsis. «Das ist der einfachste Weg, das Wild zu vermarkten. Lieber wäre uns, wir würden das Fleisch auch nach Berlin verkaufen», sagt Kühne. Doch ausgerechnet Wildfleisch aus Brandenburger Wäldern findet seit Jahren keine zahlende Abnehmerschaft in der Hauptstadt. «Allein im Templiner Forst werden im Jahr rund 40 Tonnen Wild geschossen. Davon setzen wir aber nur einen Bruchteil in Berlin ab», sagt Kühne.
Vor allem Hotels und Restaurants in der Hauptstadt blieben den Brandenburger Wildvermarktern fern, beklagt Kühne. Statt Hirschgulasch aus der Uckermark schmurgele in den Töpfen und Pfannen der meisten Restaurantküchen wohl günstiges Importfleisch aus Neuseeland und Ungarn, vermutet der Marketingexperte. «Bei den Preisen, die diese Züchter machen, können wir nicht mithalten«, sagt Kühne. So kostet ein Kilogramm Rehrücken aus Brandenburg ab 20 Euro, Gulasch vom Wildschwein gerade mal 12. »Da liegen die aber immer noch deutlich drunter«, sagt Kühne.
Auch der Weg zu den privaten Verbrauchern scheint schwierig. »Man weiß ja gar nicht, bei wem man Werbung machen soll. Berlin ist groß und wir können uns keine groß angelegten Kampagnen leisten«, sagt Kühne. Allerdings haben es die Brandenburger Forstbetriebe ihrerseits über Jahre versäumt, ein verbrauchergerechtes Sortiment zusammenzustellen. Erst mit der Umwandlung in Landesbetriebe vor zwei Jahren verfügen manche Ämter über eine eigene Verarbeitung. »Seit wir die Tiere auch zu Schinken und Wurst veredeln, kommen häufiger Kunden aus Berlin und Potsdam«, sagt Kühne.
Einer, der den umgekehrten Weg bei der Vermarktung geht, ist Gustav Meyer. Jahrelang, sagt der Jäger aus Strausberg, habe er vergeblich auf ökologisch bewusste Verbraucher gewartet. »Alle reden von Bio. Der Weg zum echten Wildfleisch aus dem Wald vor der Haustür war aber vielen zu weit», sagt Meyer. Als Konsequenz hat er vor zwei Monaten einen kleinen Laden im Bötzowviertel in Prenzlauer Berg eröffnet. Dort offeriert er sein Wildbret direkt vor den Augen der Kundschaft. «Die Neugierde ist groß. Viele wollen Wild probieren», sagt Meyer über die ersten Wochen. Ob sich der Laden allerdings längerfristig trägt, mag Meyer nicht abschätzen. »Das war die Vorweihnachtszeit. Nun müssen wir sehen, wie sich das über das restliche Jahr entwickelt«, sagt Meyer vorsichtig.
Auf einen ähnlichen Probelauf wollen sich die Forstmänner in Templin indes nicht einlassen. Nur für die Erfahrung, sagt Kühne, seien seiner Behörde die Ladenmieten in Berlin und der Lohn für das Verkaufspersonal zu teuer. Allerdings scheint es auch noch keine dringliche Notwendigkeit für Risikoinvestitionen zu geben.
Schließlich verdient das Forstamt mit sogenannten Trophäenjagden noch immer gutes Geld. So müssen betuchte Jäger bis zu 6000 Euro für den Abschuss eines kapitalen Hirsches etwa aus der Uckermark bezahlen. Kühne sagt: »Im Jahresschnitt bringen uns solche Einzelbegehungen rund 250 000 Euro.»
(ddp/travelpedia)
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